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Buchtipp: China neu denken - Wie ein Land sich neu erfindet


                                                                                         Engel

Chinaneudenken Cover

Thomas Heberer
China neu denken - Wie ein Land sich neu erfindet und unser Jahrhundert prägt

Vorweg bemerkt:
Der Autor verweist in seiner Einführung auf die vielfach (in der medialen Welt) vorgebrachte "Dämonisierung Chinas als Schurkenstaat" und den "gefährlichsten Gegner des Westens": Bei einer solchen Einschätzung würde übersehen, dass das Land - über "zweifellos vorhandene Faktoren hinaus" - auch eine regulierende, steuernde Kraft darstelle. Er warnt vor einer "self-fulfilling prophecy". Er erteilt u.a. auch der These von Nato-Generalsekretär Mark Rutte eine deutliche Absage, wonach Xi Jinping Putin anrufen könnte, damit die Nato anderweitig beschäftigt sei und Peking "problemlos Taiwan erobern könne". Diese und weitere Thesen zu Taiwan sieht Heberer "auf dem Niveau einer hysterischen Kaffeesatzleserei" ... Der Autor sieht selbst das "Gespenst chinesischer Überkapazität als Chimäre".

Heberer verweist aber zurecht auf viele deutsche Politiker, die leider noch immer glaubten, Deutschland und Europa seien in vielen Bereichen technologie-führend und China stehle weiterhin oder kopiere. Sein Buch befasse sich bewusst nicht mit den im Westen diskutierten Problemfeldern: Taiwan-Frage, Chinas Rolle im südchinesischen Meer, Hongkong, Xinjiang, Afrika. Und das ist gut so.

Der Autor berichtet vielmehr ausführlich von seinen Erfahrungen als Ausländer in und mit China seit 1975. Er versucht in die Frühphase des Reformprojektes und die Probleme am Beispiel von vier zentralen Feldern zu "entschlüsseln": (1) Geschichtsbewusstsein und Geschichtsbilder im kollektiven Gedächtnis großer Teile der Bevölkerung inklusive der Eliten, (2) Weltbilder und religiöse Vorstellungen, (3) Staatsverständnis und Erwartungen an den Staat, (4) Unternehmen und Privatwirtschaft.

Entgegen dem trockenen Klappentext entpuppt sich das Werk als ein handfester Erfahrungsbericht, der 1975 begann: Heberer schildert - als Zeitzeuge des Reformprozesses - rückblickend seinen Alltag bei der "Peking Rundschau" in den 1970er Jahren. Er beschreibt die Phase der Rückkehr Deng Xiaopings, die Entstehung von Freundschaften, das Reisen als Ausländer in China, das besondere Interesse (des Autors) an Minderheiten, die Liebe als gesellschaftliches Thema und das weitere (Er)-Leben in den folgenden Jahrzehnten bis heute. Dabei kommen auch "historische" Anekdoten nicht zu kurz, etwa "unsittliches" Verhalten bei einer Injektion, ungeschickter Umgang mit Briefmarke und Toilettenpapier und ungewolltes Betreten von Militärgelände. Ebenfalls eindrücklich: seine Rolle als Schwiegersohn in der chinesischen Familie sowie der Ausschnitt aus der Lebensgeschichte der ehemaligen Kollegin Anne-Marie Chow.

In Teil II und III des Buches wird es fachlicher, aber nicht minder interessant: Feldforschungsprojekte werden als wichtiger Weg zu Erkenntnissen beschrieben, ebenso die Bedeutung von Konfuzianismus, Daoismus, Legalismus, chinesischem Buddhismus, Religiosität im Vergleich mit Europa. Weitere Stichworte: Moral, Recht, Staat, Wirtschaft.

Prof. Dr. Thomas Heberer, Anfang 2013 emeritiert, hatte bis 2025 an der Universität Duisburg-Essen noch eine Seniorprofessur für Politik und Gesellschaft Chinas inne. Bestimmte Thesen riefen auch Kritik hervor. In Teil IV seines aktuellen Buches gibt er seine spezielle Analyse der geopolitischen Verflechtungen wieder, die sicher wieder nicht alle Leser (und sog. "Experten") teilen werden. 

Ich habe insbesondere die informativen autobiografisch-geprägten Schilderungen gerne gelesen. Vor Ort Erlebtes über Jahrzehnte hinweg können in dieser Intensität nicht viele Menschen vorweisen, die sich dennoch für "Kenner" der äußerst komplexen Gemengelage halten und das dann auch vehement verkünden.

Gelesen hat:
Sabine Ursel

CNBW-Kommunikationsverantwortliche
Journalistin, Wiesbaden

Erschienen bei:
Drachenhaus Verlag
, Esslingen 2026, 440 Seiten, 29 Euro);
ISBN: 978-3-943314-67-0440; weitere Infos/Bezug: hier 


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