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Hirns Köpfe: Cora Jungbluth - Asien-Expertin bei der Bertelsmann Stiftung

Exklusiv: CNBW-Porträtreihe 
Hirns Köpfe


 Wolfgang Hirn Skizze


Seit 1986 reist der Journalist Wolfgang Hirn regelmäßig nach China. Rund 35 Jahre schrieb er für das manager magazin. Er ist Buchautor und Herausgeber der Newsletters CHINAHIRN. Für das CNBW beschreibt der gebürtige Tübinger spannende Persönlichkeiten der baden-württembergischen China-Community.

Porträt:
Cora Jungbluth
Senior Expert China and Asia Pacific
Bertelsmann Stiftung


Cora Jungbluth Bearb


"China und Wirtschaft - das passt gut zusammen"
Es war 1999, als Cora Jungbluth (heute 45) in ihrer Heimatstadt Heidelberg das Sinologie-Studium begann. Warum sie damals dieses doch relativ exotische Fach wählte? "Wegen der Schriftzeichen und des Essens." Beides faszinierte sie, beides habe sie schon als Schülerin kennen- und lieben gelernt. "Mit 16 Jahren ging ich schon in chinesische Restaurants, die damals in Heidelberg oft von Vietnamesen betrieben wurden und kein authentisches chinesisches Essen servierten", sagt sie.

Parallel zur Oberstufe lernte sie an der Volkshochschule Heidelberg ein Jahr lang Chinesisch. Doch diese Vorkenntnisse waren der Stoff von gerade einmal zwei Wochen des einjährigen Sprach-Propädeutikums, das in Heidelberg dem Sinologie-Studium obligatorisch vorgeschaltet ist. "Ziemlich erschreckend", wie sie zu Beginn fand. Aber sie biss sich durch und traf eine weitsichtige Entscheidung: Wirtschaftswissenschaften als Nebenfach. "China und Wirtschaft - das passt gut zusammen."

Aufenthalt in China
Die Jahrtausendwende war die Zeit des chinesischen WTO-Beitritts. Viele deutsche Firmen begannen in China zu investierten, und die ersten chinesischen Unternehmen wagten sich auf die internationalen Märkte. Es waren Aufbruchszeiten in China. Zweimal konnte Cora Jungbluth diese live vor Ort miterleben. Nach dem Propädeutikum verbrachte sie ein Jahr in Shanghai (2000-2001), nach dem Magister-Abschluss 2006 war sie ein Jahr an der Tsinghua-Universität in Beijing, um internationale Volkswirtschaft zu studieren - komplett in Chinesisch. "Das gab meinen Sprachkenntnissen nochmals einen richtigen Schub."


                                          Shanghai Bund 2016 Bearb   


Promotion und Habilitation
Zurück in Heidelberg startete sie ihre Promotion. Thema: "Die Internationalisierung chinesischer Unternehmen." 2011 war sie fertig. Eine erweiterte Fassung erschien 2015 als Buch im Nomos Verlag mit dem Titel "Going Global - Die internationale Expansion chinesischer Unternehmen". Kurz darauf trat Cora Jungbluth eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Freiburg an - ein fliegender Wechsel von Nord- nach Südbaden: "Morgens habe ich in Heidelberg meine Doktorarbeit abgegeben, mittags zog ich nach Freiburg um." Dort begann sie mit ihrer Habilitation zu Umwelttechnologie und -politik in China. Diese sollte auch zwei Fallstudien umfassen: eine zu E-Mobilität, eine zu Photovoltaik. "Wenn ich das durchgezogen hätte, wäre das zumindest bei E-Mobilität wohl Pionierarbeit geworden." Aber schnell kamen erste Zweifel: "Eine akademische Karriere in Deutschland bietet wohl eher eine unsichere Perspektive." Zudem wollte sie praxisbezogen arbeiten.

Zur Bertelsmann Stiftung
2012 wechselte sie dann zur Bertelsmann Stiftung ins beschauliche ostwestfälische Gütersloh. Hintergedanke, den sie natürlich damals für sich behielt: "Super, das mache ich jetzt zwei, drei Jahre und dann lande ich in Shanghai oder Beijing." Denkste! Die Arbeit bei der Bertelsmann Stiftung entpuppte sich nämlich als aus- und erfüllend. Sie konnte im neu eingerichteten Asien-Schwerpunkt der Stiftung den China-Bereich mit aufbauen. Und sie reiste regelmäßig nach Asien, auch nach Japan und Südkorea. 2021 wurde das Asien-Programm allerdings eingestellt. Seitdem führt Cora Jungbluth die China-Themen im strategisch neu aufgestellten Europa-Programm und koordiniert intern gemeinsam mit ihrem für Indien zuständigen Kollegen Murali Nair auch die Indopazifik-Themen der Bertelsmann Stiftung.

Realistische Betrachtung der politischen Situation
Als Senior Expertin für China und Asia-Pazifik gilt sie als eine der wenigen deutschen Expertinnen für chinesische Wirtschafts- und Handelspolitik. Die Themen sind inzwischen andere als früher: Geopolitik, Wirtschaftssicherheit, globale Blockbildung. Die Euphorie aus den Nuller-Jahren ist verflogen. "Es gibt nun viele Themen, die die Beziehungen belasten, zum Beispiel Chinas Nähe zu Russland und Überkapazitäten." Auch die politische Situation in China habe sich unter Xi Jinping verändert. Dabei nimmt sie für sich in Anspruch, immer realistisch gewesen zu sein: "Ich habe nie erwartet, dass sich China liberalisiert. Die Entwicklungen unter Xi Jinping hätte ich aber so auch nicht erwartet."

So sitzt sie also im Sommer 2025 immer noch in Gütersloh, wo sie inzwischen längst ihre asiatischen Lieblingslokale gefunden hat – "als großer Fan des asiatischen Essens". Ab und zu schaut sie noch in Heidelberg vorbei, wo die Eltern leben, und wo sie noch einige Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen der Heidelberger Sinologie hält.

Autor: Wolfgang Hirn
29.8.2025
E-Mail: mail@chinahirn.de

Buchhinweis:
Wolfgang Hirn, "Der Tech-Krieg: China gegen USA - und wo bleibt Europa?" 


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