Hirns Köpfe: Nicolas Zippelius - Hoffnung auf ein China-Kompetenzzentrum im Bundeskanzleramt
Exklusiv: CNBW-Porträtreihe
Hirns Köpfe
Seit 1986 reist der Journalist Wolfgang Hirn regelmäßig nach China. Rund 35 Jahre schrieb er für das manager magazin. Er ist Buchautor und Herausgeber der Newsletters CHINAHIRN. Für das CNBW beschreibt der gebürtige Tübinger spannende Persönlichkeiten der baden-württembergischen China-Community.
Porträt:
Nicolas Zippelius
China-Experte der CDU/CSU-Fraktion
Neugier auf China seit der Schulzeit
Als ich (Wolfgang Hirn) Nicolas Zippelius telefonisch um 10 Uhr zuhause erreichte, kündigte er an, dass er bereits um 11 Uhr den nächsten Termin habe: eine Stunde Chinesisch-Unterricht - und zwar online. Ein Bundestagsabgeordneter, der Chinesisch lernt, hat Seltenheitswert und das reizt zu (Nach-)Fragen. Wie kam es dazu? "Das Interesse an der asiatischen Region und speziell an China ist schon seit langem bei mir da", sagt Zippelius. Als 15-Jähriger sei er zum Sprachkurs in England gewesen. Dort hätte er einige Mitschüler aus Hongkong getroffen. Später sei er dann mit seinem Vater erstmals in Hongkong gewesen. All das habe die Neugier auf China geweckt.
Er wollte unbedingt mal eine Zeitlang in der Region verbringen. 2015/16 erfüllte er sich während seines Studiums der Politikwissenschaften diesen Wunsch. Mit einem taiwanesischen Stipendium verbrachte er damals sieben Monate auf der Insel. Sechs Monate davon waren intensives Sprachstudium mit einer Prüfung am Schluss. Am Konfuzius-Institut in Frankfurt paukte er dann weiter jeden Samstag mehrere Stunden Chinesisch. "Ich nehme mir die Zeit zum Lernen, auch wenn es nicht leicht fällt", sagt der 37-Jährige. In den vergangenen drei Jahren sei es besonders hart gewesen. Denn im September 2021 wurde er als direkt gewählter Abgeordneter für die CDU im Wahlkreis Karlsruhe-Land in den Deutschen Bundestag gewählt. Und diesen Erfolg wiederholte er soeben bei der vorgezogenen Bundestagswahl mit stolzen 39,2 Prozent.
Auf dem Platz Leistung bringen
Schon während seiner ersten Amtszeit profilierte sich Zippelius als China-Experte der CDU/CSU-Fraktion, obwohl er als Mitglied des Digitalausschusses, des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Afghanistan-Untersuchungsausschusses und stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss viel zu tun hatte. "Als ich anfing, sagte ich: Ich will meine Stärken einbringen." Und dazu gehörten eben auch seine China-Kenntnisse. Zunächst habe er viel beobachtet ("Ich habe versucht zu verstehen, wie Außenpolitik im Bundestag funktioniert.") und viele Fragen gestellt. Er arbeitete sich in die China-Problematik ein und meldete sich immer wieder zu Wort. "Wichtig ist, auf dem Platz Leistung zu bringen", zitiert Zippelius einen Spruch aus der Fußballersprache (er war schließlich Torwart beim FVgg Weingarten, dem Verein in seinem Heimatort). Und Zippelius hat Leistung geliefert. Er hat parlamentarische Anfragen gestartet, er gab Interviews, und er war maßgeblich beteiligt an der Erstellung des China-Positionspapiers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ("Souveränität aus eigener Stärke - Eckpfeiler einer neuen China-Politik").
Irgendwann titulierten ihn die Kollegen aufgrund seines Engagements "China-Experte". So bezeichnet er sich inzwischen selbst und auch die Medien tun das. In dieser Funktion saß er neben Außenministerin Annalena Baerbock und SPD-Mann Nils Schmid in den Räumen des Berliner Thinktanks Merics, als dort im Juli 2023 die China-Strategie der Bundesregierung vorgestellt und diskutiert wurde. Er ist inzwischen Mitglied des Deutsch-Chinesischen Dialogforums als Vertreter der CDU. Zweimal war er mit einer Fraktionsdelegation in China, zuletzt im April 2024 in Beijing und Qingdao.
Viele gute Leute an den deutschen Universitäten
In der Woche vor der Bundestagswahl meldete er sich mit einem interessanten Namensbeitrag im Newsletter China.Table zu Wort. Überschrift: "Warum wir ein China-Kompetenzzentrum brauchen." Der Beitrag fand in der deutschen Community viel Beachtung, weil da jemand nicht nur allgemein mehr China-Kompetenz fordert, sondern auch konkret wird. Besonders gut kam bei vielen in der akademischen Welt seine Forderung an, die China-Wissenschaftler an den deutschen Universitäten stärker in die Diskussion miteinzubeziehen. Denn - so Zippelius in seinem Beitrag: "Eine besondere Stärke Deutschlands … sind die schon etablierten Sinologien oder Chinakompetenzzentren an verschiedenen Wissenschafts- und Forschungsstandorten in Deutschland." Im Gespräch ergänzt er: "Wir haben viele gute Leute an den deutschen Universitäten." Dieses Know-how solle künftig stärker angezapft werden.
Hoffen auf ein China-Kompetenzzentrum im Kanzleramt
Überhaupt sollten - so sein Petitum - die verstreuten deutschen China-Kompetenzen zentral zusammengeführt werden, und zwar an höchster politischer Stelle. Deshalb plädiert Zippelius für ein China-Kompetenzzentrum im Bundeskanzleramt, was schon im Fraktionspapier gefordert wurde. Nun wird ja bald ein Christdemokrat in das Bundeskanzleramt einziehen. Wird dieser ein solches Kompetenzzentrum installieren? Zippelius erwartungsfroh: "Ich hoffe es."
Autor: Wolfgang Hirn
20.3.2025
E-Mail: mail@chinahirn.de
Buchhinweis:
Wolfgang Hirn, "Der Tech-Krieg: China gegen USA - und wo bleibt Europa?"